Uyuni

04.05.2007

Als der Arzt gegangen war, verließ ich das Hotel Avenida in Uyuni, dieser sibirisch-armseligen kleinen Wüstenstadt vor dem Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Erde in Südbolivien.

Es war schon dunkel geworden, ich ging um die Ecke in die nahegelegene Apotheke. Der Laden war klein und schlecht beleuchtet. Die alte Apothekerin ließ ihre junge Angestellte die Medikamente holen. Dann verglich sie gewissenhaft und langsam das Rezept mit den wenigen Tabletten, die ich in zwei Papiertütchen bekam.

Ich ging zurück zum Hotel. Der freundliche Besitzer brachte mir eine Kanne mit heißem Mate de Coca, dem Allheilmittel der Bolivianer. Er hatte wohl vom Arzt erfahren, daß ich, wenn nicht die Amöbenruhr, dann Soroche, die Höhenkrankheit hatte.

Ich war am Tag zuvor mit drei netten jungen Israelis, darunter einer Frau, zu einer Drei-Tage-Tour zur Laguna Verde aufgebrochen. Den Jeep fuhr ein Indio, neben sich seine schwarzbezopfte Frau, die für das Essen sorgte. Wir hatten jeder zwei bis drei Zwei-Literflaschen mit Trinkwasser mitgebracht.

Wir waren bald auf dem Salzsee, der mit seiner unendlichen Weite gleißte wie ein leicht mit Schnee bedeckter zugefrorener See. Der Himmel war wolkenlos blau, es wehte ein fast unmerklicher Wind. Die Stille schien absolut zu sein; es war angenehm warm. Im Süden, der nicht von Bergen eingerahmt ist, ging der See ununterscheidbar in den Horizont über. Wir waren auf 3660 Meter Höhe.

Wir fuhren eine ganze Zeit und kamen dann zur fischförmigen Isla del Pescado, einer nur wenige hundert Meter großen felsigen Insel, die mit riesigen Kakteen übersät ist, die bis zu drei Metern hoch sind. Am Ufer gab uns die Indiofrau Tee und Brote mit Wurst.

Dann fuhren wir zu einer kleinen Salzabbaustelle mit zum Trocknen aufgeworfenen Salzhaufen. Ein kleiner Schuppen war für das Abfüllen des Salzes in kleine Plastiktüten da. Man sah nur zwei Arbeiter.

Danach fuhren wir den ganzen Tag über den See. Wenn wir aussteigen wollten, hielt der Indio, wir gingen ein bißchen umher und genossen die weiß blendende Unendlichkeit der 12 000 qkm großen Fläche. Unsere Faszination hörte nicht auf, es war eine Überfülle aus Leere. Ich befolgte nicht den dringenden Rat der Reisebücher, eine Sonnenbrille und eine Mütze aufzusetzen.

Wir kamen auch kurz zum touristisch berühmten Salzhotel, das nur aus Salzblöcken gebaut ist. Die Zimmer wirkten wie Iglus.

Gegen Abend – der Himmel wurde schon rot – kamen wir im ärmlichen Dorf San Juan an, der Indio fuhr in eine Art Gehöft, wo wir übernachten sollten. Die drei Israelis und ich bekamen einen primitiven Raum mit drei Stockwerksbetten.

Ich ging ein bißchen in der wüstenhaften Gegend herum und machte Fotos. Im Aufenthaltsraum neben unserm Schlafraum gab es später eine sehr gute Gemüsesuppe. Zwei Schweizer Radfahrer, die wir das letzte Stück mitgenommen hatten, verwickelten einen der Israelis in ein Gespräch über die Geschichte des Staates Israel. Ich hielt mich lieber raus, und der andere Israeli befragte mich nach dem Sinn des Lebens.
Relativ früh gingen wir ins Bett.

Bald wachte ich mit unwiderstehlichem Brechreiz auf und mußte immer wieder über den eiskalten Hof zum Klo, um mich zu übergeben. Es war eine sehr schlimme Nacht für mich, auch deshalb, weil ich die andern nicht stören wollte.

Am Morgen riet mir einer der Israelis, lieber zurückzufahren, weil ich etwas Bedrohliches haben könne. Der Indio brachte mich ein Stück zurück zum See und hielt einen alten leeren Bus auf, den ein alter Mann fuhr, der seine Frau und sein Enkelkind dabei hatte, die Erica hieß. Der Mann nahm mich mit, und ich unterhielt mich ein bißchen mit dem kleinen Mädchen. Der Bus fuhr sehr langsam; nach einer halben Stunde hielt der Fahrer einen Personenwagen an, die beiden jungen Leute nahmen mich mit.

Mittags war ich wieder in Uyuni. Ich sagte im Hotel, daß ich einen Arzt brauche; die Frau telefonierte und sagte mir dann, der Arzt komme um sechs Uhr. Ich bekam wieder dasselbe kleine, aber saubere Zimmer.

Ich stellte den Wecker auf halb sechs für den Besuch des Arztes. Ich hatte weder Hunger noch Durst und war ganz leer und leicht. Ich legte mich ins Bett und fühlte mich gerettet wie nie zuvor. Ich lag in nord-südlicher Richtung im Bett, mit den Füßen zum Nordpol, mit dem Kopf, viel näher, zum Südpol. 10 000 km von zuhause war ich am richtigen Ort, ich war in der Utopie: ohne Ort.

Schnell schlief ich ein.


29.04.2007

merke: nichts vergessen heißt auch: alle einzelheiten behalten.


29.04.2007

daß das telefonieren zunächst und sehr leicht pseudokommunikation ist, bedeutet nicht, daß es keine “wesentliche” telefonische kommunikation gibt. deshalb ist es borniert, grundsätzlich nur möglichst kurz zu telefonieren. direkte kommunikation ist auch meistens keine wirkliche.


29.04.2007

wittgenstein hat jenseits des metaphysischen unsinns von heidegger und dem logizistischen unsinn von carnap eine lösung „der probleme“ gefunden, die wenigstens als basis für zukünftiges denken dienen kann. der weg verläuft zwischen dem abgründigen „wesen“ und jeder art von „system“.


29.04.2007

der dichter ist einer, der sozusagen am kreuzungspunkt des saussureschen koordinatensystems von assoziation koordination sitzt.


29.04.2007

wie kann man sich auf seine besten möglichkeiten konzentrieren, ohne einseitig zu werden?


29.04.2007

es gibt schmerzen durch nicht-gebrauch von organen, z.b. muskelschmerzen.


kerbtierfresser

24.04.2007

kerbtierfresser alle die

alle die im mondlicht mit singvögeln drosseln
die insekten,

es sind wirklich alle schon wieder
da die da sind
alle kerbtiere, immen, alle allesfresser, bienenfresser, maulauf-
reißer, schlitzrüßler, kerbtierfresser, maulwürfe, amseln, elefan-
ten aus mäusen und schmeißfliegen singen und
fressen und fliegen schon wieder im mondlicht lustig
gekerbt
getiert
gefressen.

gesungen gedauert solange es dauerte.

drosselbart fraßlos ge
knebelt
wir fressen und fressen.

fritzchen fristlos
fitzt fischers frische.

dillkraut im mai und rapunzel
machet alle sünden gut und
schön.

mit fesseln und körben oder mundfäule
splitter im mondlicht
knochen

alle die wieder und wieder
sieh mal an
wie sie dem dings diesem leben im
kreise und hoppelnd immer schneller wie sie
wieder und wieder du
ahnst es nicht so
groß und fleischig geläutet.

ich gebe euch alles und was ihr nicht wollt.
breiter aber diesmal eine längliche
sträfliche tödliche längliche
greenwich
grütze
grüß gott du schöner land kein
splitter im mondlicht mit sichthülle
pocken basalt wir
läuten und pfeifen notfalls dreimal.

die pfiffe die häuser die gräben

im notfalle lauthals notfalls bis
drei

bis dreimal kommando gilt jetzt gilts.

es ist sattsam bekannt daß
im gegensatz zu aller bisherigen praxis und
taktik
am ufer uferlos
bis zur brust unter wasser bis dreimal
weißgrau als ob wir vor lauter mundfäule
fesseln im mondlicht schon satt wären sattsam
gesättigt denn ich fliege.

ich bin länglich und ausgepfiffen bin ich sehr
bürgerlich.

satt und im gegensatz
weißgrau und im gegenlicht
mondgrau und sattsam
lichtsatt und weißmond
gegenmond im satzlicht
grausam im

zimperlich läuten alle kerbtierfresser bürgerlich und faulen sehr
uferlos dreimal im
kreis.

viermal im
lichterloh
weiß.

das weißt du auch nicht auch schon wieder nicht
grün

in der zwischenzeit zischeln wir mit äpfeln auf den
lippen mit giftigen wörtern im
mondlicht auf dem kopf auf der brust das ist
wahr ich schwörs dir
störfunk im
riedgras
ufersand triftig die kirgisen zirpen mit
völlig bis zum überdruß knirschenden
zähnen verfaulten gebissen am
strand
kalk und wasser und
kaftan
karst.

spärliche kerbtierfresser schwestern zwei segel
zwei schwestern im mondlicht.
sie segeln im mondlicht.
sie segeln mit äpfeln.
sie segeln und
kegeln.

meine sehnsucht auf den lippen
mein lied auf den fersen
dein glied über klippen
strittige lippen felsen längliche ufer
timbuktu
kurz.

du bist satt, ich bin weiß, du bist grün, er ist taub grau und zü-
gig.

zwei schwestern und im gegensatz
täter der tat
väter durch kraft für den sieg und die
brüder.

tüchtig
blutig
wichtig sehr notfalls zu ermäßigten gebühren aus gurgel und
schlund.

aus lippen papier und lumpen
zischend zerhackt.

aus sehnsucht
im kreise
tau.

uferlos sehr notfalls ich pfeif dir ein liedchen daß dir
pfeifen und singen fürs erste
vergehn vor
wen ? wo ?
federleicht fesseln aus
salz aus

dein widerstand ist mein ufer.
mein segel ist dein spülstein.
äpfel sind blutige fesseln.
dreifach keinmal
zweifelnd ein
steinbruch.

wenn die pfiffe am ufer
wenn die schmutzige sehnsucht wenn
mundfäule bürgerliche kreise und steine wenn
gebühren im mondlicht kerbtierfresser und zweifelnde schwestern
mit äpfeln und mitten in der nacht wenn

wenn das wörtchen an
bord daß die zählzeit im mondlicht die sternzeit in netzform mit
äpfeln mit segeln und kreisen
oder bis zur brust bis zum hals bis sie pfeifen im gegenlicht grüß
gott sehr zersplittert
gitter

gezittert zierlich doch zimperlich
tritt spur die
strittigen sitten
dich trifft es bestimmt
dich und mich
sich im stich uns
rund.

kerbtierfresser
schädelsplitter
kurszettel oder mundfäule oder etwas weißgrau oder:
alle tiere kerben fraß.

ach so liederlich sündig
ach so brüderlich mündig

fündige segel wie es furzt und rülpst.
weißgraue mädchen in butter nicht selber.
blutige einstiche im mondlicht mit äpfeln.

biere zum kotzen bei ebbe daß die zählzeit sehr weißgrau.
dreimal zu ermäßigten gebühren ganz nackt ganz
heilsam
weißlich
kai.

butter im falle des
falls sehr völlig sehr im gegensatz
kuppelförmig in der zwischenzeit zwei schwestern in westberlin als
höher als ihre drüsen
kühlbar
zügige biere ohne

butter mit
angst.

auspfiff taumelnd
maul und
lippentripper
spitz.

nicht höher als westberlin
klüger als dillkraut
drosselbart
einstiche im mondlicht wo kadaver unter postwagen wo sehnsucht wo
mundfäule biere

ich pfeife sehr wütend.
ich fresse sehr blutig.
ich zähle ich wüte ich

es ist deshalb nicht ohne bedeutung daß
zählzeit daß
kahl.

als alle schon im mondlicht gefesselt schon
ohne beachtung als segel als wolken zwei
schwestern freiere brände und würfe.

ufer und zahlen
münder und nähte
stählerne pfiffe
jetzt toben alle dreimal wieder leuthals wütend
notfalls länglich
uferlos

völlig
blutig
salz.

alle kerbtierfresser flitzen im mondlicht.
alle kurszettel bersten.
butter im postwagen glüht und pfeift.
obwohl die kunst aus allen nähten platzt, entfesseln die täter hurtig
zwei wütende notfalls und
uferlos weißgraue
fesselballone die sich völlig und bürgerlich im handumdrehn blutig
mit äpfeln an bord zu ermäßigten gebühren
türlos im kreise in
eis und staub und
tau und schuld sehr erstickt sehr
plötzlich und deshalb
pfeifend in der zwischenzeit ge
schnürt in der zwischenzeit
hanf und gummi
luft im mondlicht
gas und sand.

sie lösen sich auf.
sie fressen das tier.
kerbholz ist blutig.

alle sind satt und lügen.
alle sind weißgrau und singen.
alle pfeifen mit äpfeln.

sehr notfalls in westberlin
kuppelförmig in der zwischenzeit und ohne beachtung.
wollt ihr alle ?
seid ihr alle ?

ohne gegensatz selber im mondlicht
ohne angst ast
alles treibt im
salz oder
pfeffer.

uferlos notfalls leben die pfiffe in
netzform.

insekten und drüsen
kurszettel segel
zwei schwestern an bord zerteilen die äpfel.

jetzt ist alles
weiß.


22.04.2007

berlin: beim einsteigen in den bus fällt einem mann ein stück papier runter, ohne daß er es merkt. eine frau hebt es auf und steckt es wie selbstverständlich ein. es ist ein zehnmarkschein.


22.04.2007

in der abendländischen kunst stellt der mensch zunehmend seine physische welt dar. dazu geht er von seiner mythologischen begeisterung über.


22.04.2007

die jetzigen “antifaschisten” sind zu “richtern und henkern” geworden –, in ihrem pharisäischen kopf.


22.04.2007

die meisten leute ruhen in ihrer unwissenheit.


22.04.2007

es gibt keine erkenntnis ohne das vergleichen. vergleichen heißt nicht relativieren. (substantiell ist alles unvergleichlich.)


22.04.2007

man sieht oft viel dümmer aus, als man ist.


22.04.2007

die euphorie, wenn der schmerz nachläßt.
die euphorie durch alkohol.
die euphorie bei lufthochdruck.
die euphorie im hellen schnee mit kälte.
die euphorie auf salzseen.
die euphorie im wasser.


kit – eine kindheit (1938-1952)

19.04.2007

die lange, flach ansteigende treppe aus eichenholz mit den niedrigen stufen im großen hohen hausflur unseres hauses luitpoldstraße 9 in kitzingen am main. auf dem geländersockel links stand eingekerbt, mit einer ellipse umrahmt, eine jahreszahl (1809?). zum runterrutschen war die treppe ideal.

der kleine einstrahlige brunnen unter dem falterturm (dem berühmten schiefen turm), der nie lief, nie wasser hatte und immer verschmutzt war, auch noch, als wir 1952 wegzogen.

das große rote haustor mit den schrägen bretterteilen und der kleineren tür für den täglichen gebrauch. man konnte sie durch einen seilzug im ersten stock öffnen. vor dem tor drei steinstufen, auf denen wir „immer“ saßen.

das eiserne waschschiff am mainkai, auf dem frauen mit mainwasser ihre wäsche wuschen. schräge geriffelte eiserne waschbretter zum fluß hin waren schon eingebaut. das ganze schiff erschien wie aus einem guß. wenn wir sonntags beim spaziergang vorbeikamen, turnten wir auf dem leeren schiff rum.

der hadlatempel war ein gußeiserner pavillon in der grünanlage beim falterturm, gedacht für musikkapellen, für uns ein spielplatz. einmal rasteten dort einige radfahrer aus norwegen. sie waren ernst und freundlich, wir hörten ihrer sprache zu und unterhielten uns mit ihnen.

 

siehe …