September, 2000

30.9.2000

30.09.2000

zum ersten mal internet in einem internet café: www.auswaertiges amt.de: der flugverkehr nach bolivien ist nicht beeinträchtigt. also werde ich am dienstag (heute ist samstag) nach la paz fliegen und vorerst auf den TITICACASEE verzichten.

der junge kerl im durchaus gepflegten “italienischen” restaurant “verrechnet” sich beim addieren der mehrwertsteuer um den betrag, den er sich als trinkgeld wünscht (ca. 50 centavos = 1 dm). ich sage ihm den richtigen betrag, er korrigiert, ohne sich zu entschuldigen.

29.9.2000

29.09.2000

der kleine verdreckte mann mit dem hündchen im rucksack, aus dem der kopf fried-lich schaut, ist wie eine transposition des alten mannes im film “der fremde”.

ein vierjähriges braunes kind verkauft an der plaza teatro sucre postkarten, darunter aktphotos; genauer gesagt: es kniet vor den auf dem boden ausgebreiteten karten und spielt mit zwei geldstücken.

sind wir in deutschland irgendwie schuld an der armut in ecuador?

ich wollte eintauchen in diese kultur. aber jetzt bin ich eingetunkt in die sogenannte dritte welt.

empörend: die deutsche botschaft in quito erklärt sich für nicht zuständig, auskunft über die lage in bolivien zu geben, d.h. die frage, ob deutsche jetzt einreisen können.

gut, hier sind die leute ungebildet (selbst edith, die sich vor lauter frömmigkeit ein-bildet, glücklich zu sein, fragt mich ernsthaft, woher die europäer ihre neurosen hät-ten, d.h. sie lebt in einer heilen welt).
aber daß meine miteuropäer meine texte partout nicht verstehen, kann ich weiterhin nicht begreifen, denn ich lebe doch in ihrer welt.

sonnenbrille und regenschirm, genauer: sonnenbrille, regenschirm und winterschal, das braucht man in quito.

wandert hier am äquator die sonne scheinbar direkt von osten nach westen ? (schan-de, nichts weiß man.)

28.9.2000

28.09.2000

eine apothekerin verlangt für zwei kleine kleenex-päckchen 1 dollar. (5 prozent zu-viel)

27.9.2000

27.09.2000

sie sind südländer: sie sind unzuverlässig und unpünktlich; alles gilt nur relativ.

soll/muß man die dauernde schriftstellerische beschäftigung mit der sprache einen rückzug von der welt nennen? (denn in ihr gilt nur das gerede.)

wenn ich allein bin, schaue und denke ich in sprache (oder meditiere über die sprachliche unausdrückbarkeit der welt).
wenn ich kommuniziere, bin ich auf die lust des sprachlichen ausdrucks konzent-riert.
(kein wunder, daß ich unter meiner fremdsprachlichen ausdrucksschwäche wie ein tier leide.)

das durchschnittliche amerikanisch (woher?) ist unerträglich; aber das amerikanisch von individuen (akademikern, außenseitern) ist schön.

zwei mädchen im buchladen: wir suchen ein buch über vampire, wissen aber nicht, welches es ist.

504er peugeot, also uralt. nur an kleinigkeiten kann ich eindeutig erkennen, daß es nicht meiner war.
was war das noch für ein auto!

“stammtisch” café amazonas: der alte amerikaner möchte die schwarzen aus amerika rausschmeißen. (“I want them out.”) der alte engländer ist zwar gegen die atomkraft, aber auch für die totale freigabe der drogen. er findet es falsch, daß england das frie-densangebot von heß nicht angenommen hat. als (seit langem) australischer staats-bürger hat er in vietnam und im iran (gegen irak) gekämpft. er heißt alan und weiß genau, was der welt am besten bekäme: der kapitalismus. (der alte schwede und ich blinzeln uns zu.)

bolivien: es sieht schlecht aus. bisher 5 tote.

26.9.2000

26.09.2000

wunderschöner traum von einem tieftiefblauen meerartig bewegten see. (aber dann gabs wasserfälle, und man mußte von sehr hoch oben runterspringen.)

dritte normale brummfliege.

das bild klingt komisch, ist aber gut: der tourist wird zurechtgeritten, er lernt mit der zeit, sich anzupassen.

südlich-brutal-rustikal aussehender taxifahrer, der sich aber als besonders freundlich herausstellt.

in der reiseagentur: flug nach la paz wegen der streiks und blockaden um eine woche verschoben. ein anfragendes fax an die deutsche botschaft in la paz kommt nicht durch: “bloqueado” wie die straßen in bolivien.

25.9.2000

25.09.2000

die bevölkerung ist so ungebildet, daß einem die postangestellte gebildet vorkommt.

vielleicht haben die idiotischen horoskope immerhin den nutzen, die phantasie anzu-regen. wenn es z.b. heißt: “im letzten moment werden sie für heute abend eine einla-dung bekommen.”, dann wird der benutzer gezwungen, das wort “einladung” metaphorisch aufzufassen.

freud vor 61 jahren gestorben (23.9.1939): “descubrió el inconsciente”. wahrscheinlich ist das unfug, weil spätestens die romantiker das “unbewußte” entdeckt haben, wenn nicht schon die kunst vorher. dann bliebe nur, daß freud das unbewußte “operationa-lisiert” hat.

mcdonald’s gibt es hier noch nicht, aber eine vorstufe: CARAVANA.

hier kriegen schon die kinder kinder.

21.30
anruf von silberstein (reiseagentur): die TITICACA-reisegesellschaft in la paz (vicuña tours) rät mir, wegen der straßenblockaden in bolivien nicht zu kommen, weil sie die tour nicht garantieren könne.
irgendwas an der sache finde ich gut (vielleicht, weil es endlich ein echtes problem ist).

24.9.2000

24.09.2000

wenn ich edith paredes (46) nicht nur nett und sympathisch, sondern auch geil fände, hätte ich wieder danebengegriffen; denn auch sie ist so dominant wie neurotisch. (da runzelt brankica erheblich die stirn.)

“la locura no consiste en carecer de razón sino en querer llevar la razón que uno pue-da tener hasta sus últimas consequencias.” (julio ramón ribeyro)

reisegeiz: der normale tourist lebt in dauernder sorge um seine ausgaben. (das würde er aber nicht zugeben.)

mein hotelzimmer ist so schön, daß es sich zu beschreiben lohnte: der billardgrüne teppichfußboden, die hellgrünen wände, die zimmerhöhe von 4 metern, und vor al-lem das dann folgende dachgestühl mit dem dunkelbraun gestrichenen gebälk in vier reihen.

PASOCHOA.
tatsächlich wunderschönes hochgebirge, aber mittelgebirgisch grün. kuhweiden am hang, exakt wie in den alpen. alles sowohl grüner als auch härter wie weicher in den farben und formen. da wir auf 3500 meter höhe waren, hat edith recht: es war eine gute übung für den TITICACASEE, der fast 4000 meter hoch liegt.

für die reisebücher: in südamerika darf man in den städten die kamera nicht zeigen. am besten stellt man sie noch in der handtasche ein und nimmt sie nur kurz raus.

23.9.2000

23.09.2000

man sieht fast nie betrunkene. haben die ärmsten nicht einmal geld für alkohol?

mit marcos am GUÁPOLO, 17.jahrhundert-kirche im tal, volks­name für virgen de guadalupe (in mexiko).

das anstrengenste hier ist, daß man immerzu aufpassen muß. (falls der kellner die versiegelte wasserflasche selbst öff­net, könnte es sein, daß sie schon offen war, d.h. daß er das für mich gefährliche leitungswasser eingefüllt hatte.)

die gesten des bettelns. es gibt viele formen: deutlich, nicht so deutlich, ausdrucksvoll, beschwörend ausdrucksvoll.
betteln ist ein beruf, eine anstrengende arbeit.
die geste wird zum bloßen zeichen, wenn die indiofrau, die anhaltende autofahrer anbettelt, mich vorbeigehen sieht und nur schnell den arm mit flacher hand ausstreckt.

marcos sagt, alexander von humboldt habe in quito drei monate gelebt und mit einer indígena ein kind gezeugt. das wäre in­teressant.

zweite fliege.
erstmals regen am morgen.
arco iris = regenbogen.

kommunikation ist schön und erleichtert das leben sehr; aber der anfallende müll ist meist sehr groß, und kommunikation lenkt schnell vom wesentlichen und von dem ab, was ich wirk­lich will.

meine beschämung über meine ausdrucksschwäche im spanischen hält an, obwohl sie sich stark verringert hat.

im café-lautsprecher grade “la bamba”, das berühmte stück, erinnert mich an 1962/63 leopoldstraße 95 in münchen, wo das in der bar nebenan der hauptschlager war, der auch mir sehr gut ge­fiel. es ist gut denkbar, daß mein fernweh nach boli­vien oder südamerika damit zusammenhing.

“la paciencia es una virtud que se adquiere con la pacien­cia.”

alleinsein ist herrlich -, pero depende.

am imbißstand schenken leute bettelnden kleinen kindern pom­mes-frites-reste.

wohlgenährter junge im bus streckt einem bettelnd den schoko­ladenbraunen armstumpf entgegen, ihm fehlt die rechte hand. brechreiz.

internationale postbarbarei: das schöne buch “obra poetica” von jorge carrera andrade kostet 15 dollar. dieses buch nach deutschland zu schicken, würde 29 dollar kosten.

obwohl man möchte, kann man nicht sagen, daß der lärm (stimmen, lautsprecher) und die grobheit (z.b. trampeln) ein zeichen der unbildung sind. nicht von natur lärmt der mensch rum, eine “primitive” kultur ist wahrscheinlich im durch­schnitt ruhiger. lärm und grobheit hier und sonstwo sind kul­turell, sie gehören – zur form der vergesellschaftung.

der tourist fühlt sich schnell wunderbar, und schnell be­schissen, wie ein kind (siehe oben).

22.9.2000

22.09.2000

in der bank. 40 minuten anstehen für eine visa-abhebung. ei­ner geht einfach vor zu einer bekannten. niemand stört das.

MENSCHENFLEISCHBERGE.
global geballtes menschenfleisch.
gibt es doch zuviele?

streik der lehrer und studenten in bolivien. straßenblocka­den.

um ehrlich zu sein: jedesmals, wenn ich eine frau mit fettem arsch sehe, denke ich, das kommt vom schlechten charakter.

“está de malos ánimos”, sagt der junge angestellte in ediths schuhgeschäft. sie sitzt hinter der vitrine mit gesenktem kopf. sie ist offensichtlich deprimiert, daß ich sie nicht nach bolivien einlade. es wäre ja schön und praktisch, aber ich kann keine frau brauchen, die mehr als ein freund sein will. katastrophen hatte ich genug.

heute erste fliege, seit ich ecuador kenne.
ein schmetterling.

am tisch im café lassen die frauen auch die stillbrust unge­niert raushängen, wenn das kind (etwa 1 1/2 jahre alt) pause macht.

im bus: ein 2-3jähriges mädchen spielt das wahrnehmungsspiel: chico – chica – chica – chica. dann, als auf dem gehsteig niemand mehr zu sehen ist, weiter: chicas – chicos…

“holocaust” auf spanisch: [olloca-usto].

für ecuador ist spanien angeblich “Madre Patria”.

21.9.2000

21.09.2000

heute guter tag. der durchfall ist vorbei und ich kann gut spanisch lernen.

vorteil des völlig auf mich angewiesenseins: ich denke oft spanische sätze.
andererseits: das fernsehen verstehe ich noch in beschämender weise nicht.

die lider und augenbrauen vieler jungen frauen wirken wie ge­schminkt schön.

die schönheit der plaza de san francisco kann ich nur mit der des gendarmenmarktes in berlin vergleichen. der kontrast zur armut ist allerdings hart.

touristinnen, die mit den händen in der hosentasche durch san francisco gehen.

merke: wenn ich ein schlafendes kind im korb bewundere, die indiomutter das sieht und mich anstrahlt, ist das auch schon kulturell, und nicht reine natur.

“el autor pobre no tiene dinero; el pobre autor tiene poco ingenio; muchos pobres autores son ricos.”

20.9.2000

20.09.2000

infantil ist die vorstellung, durch das reisen lauter glück zu erreichen. aber die infantilisierung des reisenden ist ob­jektiv: anders als zuhause muß er sich immer zunächst abfin­den mit dem, was es gibt: was der fall ist. die vielen alter­nativen von zuhause sind nicht gegeben, es gilt in aller härte wittgensteins tractatus-satz 1.

die geste “er ist geizig”: man winkelt den arm an und schlägt mit der anderen hand von unten an den ellenbogenknochen.

was mich fasziniert an der spanischen sprache, ist ihre ein­fachheit, schlichtheit und klarheit. der preis dafür ist, daß sie zunächst primitiv erscheint, ungebildet, bäurisch.
in wirklichkeit ist diese sprache zu höchst verfeinertem aus­druck fähig.

im stärksten gewitterregen drücken sich die leute in die ge­schäftseingänge. ein junger mann heult uns, regenüberströmt, bettelnd an.

in quito werden auch uniformierte wächter (vigilantes) ausge­raubt.

19.9.2000

19.09.2000

die ganze nacht totalen durchfall. weiß nicht, wovon.

der nette 85jährige mann, der in der post an einem schalter (genauer: kiosk) briefmarken verkauft.

8.tag
bilanz: trotz allem schönen und interessanten und trotz des partiellen eintauchens in die andere kultur – die mühsal (ängste, schmerzen, müdigkeit) ist zu groß.

es kratzt schon am weltbild, handgreiflich zu sehen, daß die meisten menschen hier vollkommen ungebildet sind. und ich habe durchaus das gefühl, daß sich die menschen hier ebenso gleichgültig sind wie in europa.

große wandschrift:
DALILA,
EN EL DIA TE PIENSO
EN LAS NOCHES TE SIENTO.

18.9.2000

18.09.2000

ist mir der TITICACASEE, das traumziel seit meiner studien­zeit, 400 dm wert?
antwort: ja. also habe ich heute eine zwei-tagetour von la paz aus mit übernachtung in copacabana gebucht.

spatzen gibt es hier auch.

der alte geistesschwache selbsternannte verkehrspolizist im gelben plastikmantel an einer kreuzung in der altstadt, der manchmal trinkgeld bekommt.

gibt es doch zuviele menschen auf der erde? die überfüllung in großstädten wie quito ist jedenfalls unmenschlich.

das schönste sind die schwarzen augen der kinder, vieler mäd­chen und frauen, aber auch vieler männer.

unglaublich, was sich die spanier geleistet haben: sie haben es sich geleistet, sich hier ihre welt aufbauen zu las­sen. san francisco, das kloster, die plaza davor sind ein symbol dafür.

san francisco innen: trotz der störenden kitschsachen un­glaubliche ausstrahlung. die verheerende christlich-spanische kultur ist eine hochkultur.
die faszination des chorraums kommt vom gold auf holz und, vor allem, von der unglaublichen dreidimensionalität. die säulen und figuren stoßen in den innenraum vor.

marienaltar:
STMA VIRGEN DE LA NUBE
APARECIDA EN QUITO

was lerne ich aus der christlichen kunst für meine texte?
die texte möglichst SCHÖN und transzendierend zu machen.

der beschiß überall geht auf die nerven.

die leute haben keine höflichkeitserziehung, z.b. im bus.

die schönen, wunderschönen lippen vieler junger frauen.

17.9.2000

17.09.2000

gutes spanisch kann ich nicht mehr lernen. dazu bin ich zu alt. (das tut weh.)

freddy, der kellner zu fujimoris sturz: siempre hay un final.

ein bettelnder betunero (schuhputzerjunge): un regala (sic) no tengo nada.

16.9.2000

16.09.2000

normas 32. geburtstag. ein tag der trauer. auch jetzt, auch aus dieser entfernung kann ich die katastrophe norma nicht fassen.

quito: es ist wie frühling und herbst gleichzeitig. vieles blüht, vieles vergeht.

auch hier “südländischer” lärm genug. dazu gehört, daß viele autos eine sicherung haben, die beim einsteigen und kurz nach dem aussteigen wie ein hund aufjault.

im café colibri vorhin den ersten echten colibri gesehen.

die berechtigten dauernden verlustängste des touristen, sie sind rational erzwungen, aber sie infantilisieren ihn.

es gibt tauben hier, und auch amseln.

ich bin hier zunächst nicht der c.b. aus deutschland (das muß wegen der entfernung immer wieder rekonstruiert werden). ich bin ein einfacher isolierter mensch, nichts sonst.

der tourist tut nie nichts. grade wenn er sich ausruht und nur schaut, arbeitet er intensiv.

POR FAVOR NO PONER
BASURA AQUI
HIJOS DE PUTA

lautsprecherwagen für „melones grandes“.
an einer mauer ein löwenzahn.

5.tag. vielleicht bin ich jetzt angekommen, d.h. da, wo ich sein will. wenn die erste “orientierung” eine voraussetzung dafür ist, dann ist das bloße dasitzen und schauen, das fühlen des INSEINS (da hat der blöde heidegger recht) eine wichtige be­dingung.

paseando y pensando.

keine fliegen, keine mücken, keine käfer in der stadt.

heute habe ich dem kleinen mädchen mit der rose geld gegeben. zwei stunden später wollte sie (natürlich) wieder was.

15.9.2000

15.09.2000

es ist gut, daß auch ich perfektionist mich mit dem “radebrechen” abfinden muß.

das seit 15 jahren zu registrierende partielle abschmelzen der CHIMBORAZO-gletscher führt man auf die pestizide zurück.
no lo creo.

LA MERCED
herrlich spätbarocke kirche. sie wußten es nicht, aber z.b. der goldene altar ist ein symbol der metaharmonischen viel­falt der welt. die symmetrien, der prunk und der protz, der das himmelreich zeigen soll, ist nur die oberfläche.

schrifttafel beim kircheneingang:
“Cuando me aproximé
la puerta se abrió…
y cuando me dí cuenta
ya había entrado.
Ví grupos de ANGELES por todos lados!”
das ist ein land, in dem man leider froh sein muß, wenn in einer der überfüllten verkaufsstraßen ein uniformierter in der nähe ist.

die indiofrauen stillen ihre kinder sogar im gehen.

20.30
ich sitze im restaurant und esse lustlos pommes frites mit hühnchen. der kopf eines süßen kleinen mädchens erscheint mit einer rose, die sie verkaufen will. durchs fenster kann ich sie nicht hören, aber strahlend zeigt sie auf ihren mund, um zu sagen, daß sie hunger hat. ich aber schüttle nur den kopf.