18.04.2007
der ästhetische zustand ist wie wenn man beide hände sehr konzentriert auf die klaviertasten legt und wartet, welche töne man gleich spielen wird, weil sie die einzig richtigen sind.
unveröffentlichte texte
der ästhetische zustand ist wie wenn man beide hände sehr konzentriert auf die klaviertasten legt und wartet, welche töne man gleich spielen wird, weil sie die einzig richtigen sind.
goethe: “denn gewiß, man liest keinen brief zum ersten mal durch, ohne zur beantwortung angeregt zu werden.” der große reiz von e-mail liegt darin, daß man diesem impuls ohne aufwand sofort nachgeben kann. (tut man das nicht, dann hat man dasselbe problem wie mit den briefen, die erhaltene e-mail wird sozusagen erst zum brief.) e-mail: du machst in dem augenblick, indem du bereit bist/lust hast, einen kasten auf, und kommunizierst mit der welt.
die latente mehrstimmigkeit in den soloviolinstücken von bach ist eine verdopplung des „selbst“ für kurze zeit.
wie kommt man nüchtern (in jeder hinsicht) über das sagbare hinaus? nüchtern: es darf nicht sein, daß man ans UNAUSSPRECHLICHE nur in begeisterung, verzweiflung, ekstase, wollust usw. herankommt. die höhere euphorie, wie sie jede genuin geistige arbeit begleitet, muß genügen. (natürlich müssen die entfremdenden blockaden unseres alltagslebens überwunden werden. lärm, angst, streß müssen weg.)
der garten eden ist nur ein garten in der unermeßlichen wüste. in ecuador und bolivien z.b. kann man sinnlich erfahren, daß es nur oasen sind, in denen wir leben.
vom unbelebten stern erde bis heute. es ist klar, daß der mensch niemals den größten teil der landfläche wird bebauen können. wir haben viel zu wenig die meere und die wüstengebiete im kopf.
der genuß der natur und alles schönen wird um kein gran geringer, wenn man sich dadurch nicht zu metaphysischen und “sinn der welt”-albernheiten hinreißen läßt.
die hexenschußbehinderung ist ein schönes bild für die tausend dinge, die man alltäglich nicht schafft.
wenn man eine schallplatte oder CD mit vielen stücken eines klassischen komponisten gut kennt, „fühlt“ man wie eine geste am ende eines stückes den anfang des nächsten.
vor einer arbeit davonzulaufen ist oft besser, als man denkt. man fängt anderes mit lust an (verbot), wodurch der ekel oder die angst vor der eigentlich geplanten arbeit oft verschwindet. frage des kairós.
permanente neugier ist die voraussetzung für erkenntnis. allerdings kommt es auf die richtung der neugier an: will ich wissen, wie eine frau nackt aussieht oder ob sie eine klopstock-ode versteht.
tatsächlich leben wir geistig bis zu einem gewissen grad in metaphern, abgeblaßten metaphern und übertragenen begriffen. beim philosophieren jedoch dürfen wir keine einzige metapher unreflektiert verwenden. insofern muß philosophie immer sprachkritik (wittgenstein) sein.
der geniale godard-film “maria und joseph” als vorbild für fortgeschrittene dichtung. er könnte “das heilige” heißen und ist eine harte collage aus gesten: bildlichen, körperlichen und verbalen. die “geschichte” ist nur beispiel oder vorwand, sie erleichtert nur das ästhetische verständnis. es geht um etwas universelles. vieldeutig überschneiden sich psychologie, kultur und religion. es geht um das menschliche “all” in kurzszenen, voller “symbole” (kugel), die keine symbole sind, sondern anspielungen. schwer zu verstehen, daß godard seinen ruhm nicht durch diesen film verscherzt hat. das kann nicht nur am tabubruch liegen (blasphemieverdacht); es muß doch auch nicht wenige geben, die diese ästhetik verstehen. also gibt es auch menschen, die schwierige bücher verstehen. man kommt also (distributiv) nur nicht an sie heran.
das geschrei vom “recht auf arbeit” ist unfug, es bezieht sich unbewußt auf die entfremdete arbeit, die alles dominiert. diese arbeit wird mit recht in tausend formen grundsätzlich als fluch verstanden. nur der “feierabend” gilt als leben. (wenn der bademeister das ende der badezeit verkündet mit dem satz “es ist feierabend”, appelliert er an das mitleid der badegäste und meint nicht, die badenden dürften sich jetzt zuhause ausruhen.) zu fordern wäre ein recht auf persönlich bejahte tätigkeit. die hat für die mehrheit mit der berufsausbildung nichts zu tun.